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What is next – Strukturrealismus
Fragt man Kenner der Kunstwelt, wohin der Trend in der Gegenwartskunst geht, bekommt man bestenfalls ein Achselzucken und ein „anything goes“ als Anmerkung, „alles geht“. Also weder Stile noch Inhalte, weder eine große Erzählung noch Manifeste prägen den gegenwärtigen Diskurs an Hochschulen, Galerien und Museen und auch Fachmagazine ergehen sich in Beliebigkeit. Dafür wirft man gerne einen nostalgischen Blick zurück auf die Glanzzeiten der Avantgarde und ihre bekannten Ismen. Heutige Motive Kunst zu machen scheinen sich auf Gedanken über Karriere, Sponsoring, Stipendien, Preise und Wettbewerbe zu beschränken, auf Strategien zur Erlangung von Bekanntheit und medialer Beachtung, auf Börsenrankings, zusammengefasst auf kapitalistische Kunstmarktkunst. Der Blick nach vorn ist leer, die Diskurse über die Gegenwart arbeiten sich am Sozialem, Politischen ab, an Globalisierung, Postkolonialismus, Hybridisierung, Ethnien und Genderfragen.

Die Aufzählung allein reicht schon, um einem die naiv-sinnliche Freude an der Kunst zu versauen. Und doch, bei aller Konfusion, die sich bei den großen Schauen wie der Biennale, ArtBasel oder der Dokumenta zeigt, es liegt etwas Neues in der Luft. Es ist wie vorzeitiger Frühlingsgeruch im Winter, wie Vormärz im Dezember. Ein neues Schwingen und leichtes Vibrieren hat einige Künstler hier und dort schon erfasst, doch es fehlt noch der Begriff. „Ist der Begriff erst gefunden, dann wird alles ganz einfach“, erklärt der Wandermönch dem Ikonenmaler-Kollegen Andreij Rubeljow im gleichnamigen Film von Andrej Tarkowsky. Erst durch ihn kann der Diskurs und die gezielte Debatte um eine Theorie eröffnet werden. Solch eine neue Theorie ist notwendig, damit sich der Diskurs und die Kunst weiterentwickeln können.

In Wissenschaftstheorie und Naturphilosophie, wo schon seit Längerem die Ergebnisse der Quantenphysik diskutiert werden und damit die alte Frage nach der Wirklichkeit, hat sich unter dem Begriff des Strukturenrealismus vor einiger Zeit eine Strömung etabliert, die erforscht, inwieweit wissenschaftliche Theorien die reelle Natur von Objekten tatsächlich erfassen und wiedergeben können. Im Mittelpunkt dieser Forschungen steht die Annahme, dass es insbesondere die Beziehungen/Relationen zwischen Objekt und Beobachter sind und in der Summe die hieraus entstehende Struktur, die Realität abbildet.

Gerade auf die Kunst lässt sich diese Theorie nun bestens anwenden. Ist es nicht genau das, was aus künstlerischer Sicht subjektiv wiedergegeben werden kann – die Beziehung des Betrachters zur Welt, zu seiner Wirklichkeit? Wahrnehmung ist immer selektive Wahrnehmung und erschafft hierin ihr eigenes, relational strukturiertes System.

Immer mehr beginnt sich in der Wissenschaft die Aufmerksamkeit auf die Wahrnehmung selbst zu richten, immer mehr wird die Welt als ein energetischer Prozess, als Zustand einer Schwingung und feinstofflichen Struktur erfasst. Anfangs wohl eher instinktiv, später dann auch reflektorisch-intellektuell übernahmen Künstler diese Erkenntnisse und verarbeiteten sie in kontemplativen Bildern von Bildern. Die Meta-Moderne hinterfragt ihre eigene Geschichte.

Schon Gustave Courbet löste sich in der Technik seiner Darstellung vom Gegenstand, entdeckte die Struktur der Oberfläche. Und allgemein entwickelte sich die Kunst in einem stetigen Prozess der Auflösung und Abstraktion vom Impressionismus und Expressionismus bis hin zu radikalen Abstraktion.

So entwickelte sich ein sukzessiver Prozess der Annäherung an eine metaphysisch-ontologische Methode in der Wirklichkeitsdarstellung, wo sich Realität, Rezeption und Reflektion miteinander verschränken und zusammenfließen zu einer Innenschau, einer eigenen Bildwirklichkeit in Form einer visuellen Information, die auf der Basis von Strukturen als Realitätsfilter entsteht. Was ist real? Was ist fiktiv? Was ist virtuell?

Das Zusammenspiel von Form und Struktur verbindet alles, ermöglicht es, alles zugleich zu sein: Bild, Theorie, Information, Objekt – und spiegelt zugleich den Holographiecharakter des Universums (so wie Steven Hawking es u. a. propagiert) auf unser Bewusstsein zurück.

Der Strukturrealismus, als künstlerische Variante des wissenschaftlichen Strukturen-realismus, gründet in der Vorstellung vom relationalen (strukturellen) Wesen unseres Seins und vollführt exemplarisch das neue Paradigma, selbst konstruierendes Element und kollektiver Kreateur dieser Welt zu sein, einer Bild-Welt, dessen Anatomie sich im eigenen Erkenntnisprozess strukturell entfaltet. Bilder sind primär Relationen, und die Welt ist ein Bild aus Bildern von Bildern – „Relations, all the way down!“

Dieser Quantensprung in die neue Bewusstseinsebene vollzieht sich im Stillen und aus eigener Kraft. Die Stille und die Kraft sind spürbar und stimmen verheißungsvoll, denn sie bejahen das Leben in dieser Welt. Sie trotzen allen Hindernissen und ermuntern zu einem „slowly forward“.

Der Strukturrealismus ist das Nadelöhr, ist wie ein Ismus, eine Meerenge in den nächsten Ozean einer kollektiven Bewusstwerdung seiner Selbst oder besser – seiner vielen „Selbste“. Begriffe wie Ruhm, Macht und Zerstörung werden hinter dem Ismus zurückbleiben, denn voraus liegt eine pazifistische Freiheit im wahren Selbstbewusstsein, das mancher spiritueller Lehrer mit Liebe gleichsetzt. Der Weg dahin erscheint schmal, und der Durchtritt ist sicherlich eng. Von der Steinzeit über die Antike bis heute, von Höhlenmalerei, primitiver Kunst, Ikonen, Realismus, Abstraktion bis zum multimedialen Heute spinnt sich ein roter Faden durch die Kunst und Wissenschaft, der im Strukturrealismus mündet und sich von dort aus weiterspinnen wird in die Zukunft und in die nächsten Generationen, mit der auf sie zukommenden totalen digitalen Vernetzung.

Form und Struktur sind Relationen und diese Relationen bilden die Funktion einer verbindenden Brücke zwischen Realität und Erkenntnis. Wenn wir über diese Brücke nicht gehen, wird jedes Wissen auf eine pseudo-religiöse Ebene herabsinken, in der man an eine unglaubwürdig konstruierte Realität glaubt und Rituale vollzieht, anstatt sich selbst zu erkennen und somit schließlich in einer unbewussten Stufe verbleibt. Sobald wir aber dies erkennen und die Brücke überschreiten, werden wir zu einem konstruktiven Teil der Wirklichkeit, gestalten unsere gemeinsame Struktur im Licht von Frieden und Selbsterkenntnis.

Strukturrealismus ist somit mehr als ein gestalterischer Stil. Er ist ein konstruktiver und sichtbar visualisierter Selbstfindungs-Diskurs auf einer künstlerisch-metaphysischen Basis, eine Form der praktischen Philosophie, ein freies Spiel der Emotionen und des Kalküls, beispielhaft vorgetragen als Metapher an einer frei gewählten Figur, an einem Thema, an einer Technik, in der sich die technischen Mittel zugleich als geistige Mittel entfalten.

Strukturrealisten erschaffen eine Wirklichkeit in der Wirklichkeit, ein Konzept produktiver Phantasie, das ein ozeanisches Bewusstsein fördert als Grundlage für zukünftiges Sein, sodass aus einer Achtsamkeit hervorgehend neues Bewusstsein entstehen kann.

Strukturen sind Relationen, Relationen sind Beziehungen, und Beziehungen schaffen das eigentlich wirksame Reale. Beziehungsfähigkeit ist das notwendige Lernprogramm des Menschen. In der Erkenntnis der strukturellen Gegebenheit der Gegenwart liegt die Chance auf ein Ende des Kapitalismus und das Potential zu einem positiven moralischen Umdenken, dessen unser Planet dringend bedarf.

Zu dem bereits Gesagten sei hier noch ein Zitat angefügt von Roland Barthes:

(Was hier als Technik bezeichnet wird, meint wohl die technischen Mittel, die aber in Kunst, Philosophie und Wissenschaft als vorrangig geistige Mittel gesehen werden müssen.)

Roland Barthes – Auszug aus „Die Strukturelle Tätigkeit“, 1966

…Schöpfung/Reflexion sind nicht originalgetreuer Abdruck der Welt, sondern wirkliche Erzeuger einer Welt, die der ersten ähnelt, sie aber nicht kopiert, sondern verständlich machen will, denn nicht durch die Natur des kopierten Objektes wird eine Kunst definiert (ein hartnäckiges Vorurteil jedes Realismus), sondern durch das, was der Mensch, indem er es rekonstruiert, hinzufügt: die Technik ist das Wesen jeder Schöpfung. Das Objekt wird neu zusammengesetzt, um die Funktion in Erscheinung treten zu lassen, und das ist, wenn man so sagen darf, der Weg, der das Werk hervorbringt. Aus diesem Grund sollte man nicht von strukturalistischen Werken sprechen, sondern von strukturalistischer Tätigkeit.

Hans Hushan, 2018